Der „Circuit de Catalunya“ gilt nicht nur als der anspruchsvollste
Kurs für die Aerodynamik der Boliden, sondern fordert vor allem den Reifen
mehr ab als jede andere Grand Prix-Strecke. Durch die neue Asphaltschicht
sind die Karten zudem völlig neu gemischt. Doch der bisherige Seriensieger
Michelin ist gerüstet: Gemeinsam mit ihren Partner-Teams, die bislang
zehn von möglichen zwölf Podestplätzen holten, peilen die Franzosen
in Katalonien einen weiteren Sieg an.

Bekanntes, unbekanntes Barcelona: Ausgerechnet jene Strecke, die die Grand
Prix-Teams von ihren zahllosen Testfahrten am besten kennen, hält für
die Techniker der Formel 1 die größten Rätsel bereit. Die
einzigartige Charakteristik mit einer Vielzahl extrem lang gezogener schneller
Kurven stellt die höchsten Anforderungen aller Grand Prix-Kurse an die
Aerodynamik. Und da Abtrieb und aerodynamische Effizienz in der heutigen Formel
1 als entscheidender Erfolgsfaktor gelten, wird auch klar, warum dieser Kurs
die beliebteste Teststrecke ist. Was ein Auto taugt, zeigt sich hier meist
nach dem ersten Herausfahren aus der Box.
Neben typischen Passagen wie die Abfolge der Rechtsbögen „Renault“
und „Repsol“ besitzt der „Circuit de Catalunya“ bei
Montmeló auch zwei lange Geraden. Die anspruchsvolle Streckenführung
führt zu ungewöhnlichen Set-up-Kompromissen: Da vor beiden Geraden
jeweils eine schnelle Kurve liegt, setzen die Teams auf eine Aerodynamik-Konfiguration
mit hohem Abtrieb. Der Grund: Die Höchstgeschwindigkeit hängt nicht
vom geringen Luftwiderstand durch eine flache Flügelstellung ab, sondern
davon, wie gut ein Auto in den schnellen Ecken liegt und wie gut es aus ihnen
heraus beschleunigt. Leider macht diese Charakteristik das Überholen
fast unmöglich, daA? in den schnellen Kurven niemand nah genug an seinen
Vordermann herankommt, um ein erfolgsversprechendes Manöver einzuleiten.

Die Straßenlage der Autos - so eine Erkenntnis aus den zahllosen Testfahrten
- hat sich durch die Neuasphaltierung im Winter und den Umbau einer Kurve
verbessert. Mit dem neuen Belag verschwand unter anderem eine große
Bodenwelle auf der Zielgeraden sowie das wellige Profil von Turn 10.
Der Große Preis von Spanien aus der Sicht von Michelin
Der wichtigste Parameter, der mehr als alles andere über die Leistung
der Autos entscheidet, ist der Umgang mit den Pneus. Nach der Neuasphaltierung
müssen auch die Michelin-Techniker teilweise umdenken: „Bei unseren
Testfahrten haben wir festgestellt, dass die Fahrbahnoberfläche nicht
mehr so verschleißintensiv ist wie zuvor“, stellt Michelin Motorsport-Direktor
Pierre Dupasquier fest. „Wir haben deswegen eine Reihe neuer, weicherer
Mischungen ausprobiert und viele neue Ideen umgesetzt.“

An der Herausforderung durch die lang gezogenen Kurven hat sich dagegen nichts
geändert. Die Reifenenergie - vereinfacht gesagt die Arbeit, die ein
Pneu leisten muss - liegt nach wie vor äußerst hoch. Dies verstärkt
den Verschleiß speziell der vorderen Pneus. Da es sich überwiegend
um Rechtskurven handelt, wird vornehmlich der linke Vorderreifen ausnehmend
stark belastet. „Die harte mechanische Beanspruchung wird zusätzlich
erhöht durch das hohe Abtriebsniveau, das die Teams verwenden“,
so Dupasquier. Der französische Reifenspezialist stellt jedem Partner-Team
zwei Ingenieure zur Seite. Diese werden in Zusammenarbeit mit den Renningenieuren
der Teams daran arbeiten, ein gleichermaßen „schnelles“
wie Reifen schonendes Set-up zu erarA?beiten - etwa durch geringere Sturzwerte.
Das jüngste Erstarken von Hauptgegner Ferrari schreckt die Michelin-Partner
nicht: „Die Scuderia war in Imola derart überlegen, dass sich das
nicht allein auf das Auto zurückführen lässt - auch wenn das
vielleicht paradox klingt“, erläutert Pat Symonds, Chefingenieur
von Renault F1. „Die Kombination aus Reifen und Auto passte bei Ferrari
einfach optimal zur Strecke und zu den Bedingungen an diesem Tag. In Barcelona
kann die Sache wieder ganz anders aussehen.“

Das erwarten die Michelin-Partner
Ähnlich sieht es Renault F1-Pilot Fernando Alonso, der der an diesem
Wochenende als erster Spanier seinen Heim-Grand Prix gewinnen kann. „Renault
und Michelin haben in dieser Saison vier von vier Rennen für sich entschieden.
Ich gehe davon aus, dass wir erneut um den Sieg fahren werden.“
Toyota will den Ärger über die umstrittene 25-Sekunden-Strafe für
Ralf Schumacher in Imola in positive Energie umsetzen. „Selbst in Imola,
unserer klassischen Problemstrecke, waren wir schnell. Wir wollen nun bei
jedem Rennen um WM-Punkte kämpfen“, betont Mike Gascoyne, Technischer
Direktor des Michelin-Partnerteams. „Mit beiden Autos unter die ersten
Acht zu fahren, ist unser Minimalziel in Spanien.“
McLaren-Mercedes hat nach der Pole Position und Kimi Räikkönens
Führungskilometern in Imola definitiv eine Rechnung offen. „Kimi
hat einen fantastischen Job gemacht. Sein Vorsprung auf den späteren
Sieger Alonso war recht komfortabel, als seine Antriebswelle brach“,
fasst Teamchef Ron Dennis zusammen. Klar, dass die Silbernen in Barcelona
den verpassten ersten Saisonsieg nachholen wollen.
Sam Michael, Technischer Direktor bei BMW WilliamsF1, hofft, dass sein Team
durch die Partnerschaft mit Michelin auf die Siegerstraße zurückkehren
kann. „Beim Test A?in Silverstone haben wir auf trockener und auf nasser
Strecke Fortschritte bei der Abstimmung und bei den Reifen erzielt“,
so der Australier. „In Barcelona stellt uns Michelin zwei gute Reifenmischungen
zur Verfügung. Zusammen mit Modifikationen an der Front des FW27 sollte
uns das zu besseren Startplätzen verhelfen.“
Red Bull Racing brachte in Imola erneut beide Autos ins Ziel. Die Erwartungen
des britisch-österreichischen Teams liegen nach dem starken Saisonauftakt
allerdings weit höher. Speziell Vitantonio Liuzzi brennt auf seine zweite
Chance im blauen Renner. „Es fühlt sich großartig an, Rennen
zu absolvieren. Ich kann Barcelona kaum erwarten“, verkündet der
Italiener.
Der jüngste Michelin-Partner Sauber sieht im Reifenverschleiß
den Schlüsselfaktor. „Wir haben ein neues Aerodynamik-Paket dabei
und konnten unsere Traktionskontrolle und die mechanische Abstimmung weiter
verfeinern“, so Willy Rampf, Technischer Direktor der Schweizer. „Ich
denke daher, dass wir an diesem Wochenende in guter Form sein werden.“
Abseits der Strecke befasst sich BAR-Honda mit der bevorstehenden FIA-Anhörung
wegen des Streits um das Mindestgewicht der Boliden - am Wochenende konzentriert
sich die Mannschaft aus Brackley aber voll auf ein anderes Ziel: den überfälligen
ersten Sieg des Teams zu erzielen. „Nach unserem Test in Barcelona Anfang
April halte ich den Streckenrekord - so wie zuvor mein Teamkollege Takuma
Sato. Und ich habe die Strecke schon immer gemocht", erklärt Jenson
Button, warum dieser Traum alles andere als unrealistisch ist.
Rückblick: So lief der Große Preis von Spanien 2004
Die Ferrari-Dominanz setzte sich auch beim fünften Lauf zur Formel 1-WM
2004 fort: Hinter Michael Schumacher und dessen Teamkollegen Rubens Barrichello
fuhr Renault F1- und Michelin-Pilot Jarno Trulli auf den dritten Rang. Mit Fernando
Alonso, TaA?kuma Sato und Ralf Schumacher auf den Plätzen vier, fünf
und sechs sicherten sich weitere Partner des französischen Reifenspezialisten
WM-Punkte. Mit einem wahren Blitzstart war Trulli von der vierten Startposition
aus an die Spitze des Feldes gestürmt, die er bis zu seinem ersten Reifenwechsel
in der neunten Runde souverän vor Michael Schumacher im Ferrari verteidigen
konnte. Doch als der Kerpener - der noch für zwei weitere Runden Treibstoff
im Tank hatte - seinerseits nach dem ersten Boxenstopp auf die Piste zurückkehrte,
lag er vor Trulli. Damit war eine der wichtigsten Vorentscheidungen im Kampf
um den Sieg gefallen: Schumacher ließ sich auch von seinem Teamkollegen
Rubens Barrichello - der auf eine Zweistopp-Taktik gesetzt hatte - nicht mehr
irritieren und sicherte sich den fünften Sieg im fünften Rennen der
Saison.
Kommentar
Ralf Schumacher (Toyota F1) :
Strapaziös für den linken Vorderreifen
„Barcelona ist mit einer Kombination aus schnellen und langsamen Kurven
eine interessante und anspruchsvolle Strecke. Die Reifenwahl kann dort problematisch
sein. Der Circuit de Catalunya strapaziert den linken Vorderreifen besonders
stark. Ansonsten gibt es auf dieser Strecke bezüglich der Pneus keine
außergewöhnlichen Aspekte - zumal wir hier bei den Wintertests
viele Erfahrungswerte sammeln konnten.“
Statistisches
Großer Preis von Spanien, Circuit de Catalunya, Barcelona,
5. Lauf zur FIA-Formel 1-Weltmeisterschaft 2005 (8. Mai 2005);
Renndistanz: 66 Runden à 4,627 km = 305,382 km.
Text / Fotos: © Bilder: Michelin / dppi
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