
- Michele Viandante ist seit 21 Jahren Chefdesigner bei AC Schnitzer
Michele Viandante ist seit 21 Jahren Chefdesigner bei AC
Schnitzer
Seit der Gründung von AC Schnitzer 1987 leitet der Italiener
Michele Viandante die Designabteilung des Aachener Unternehmens und ist für
alle Entwürfe verantwortlich, egal ob es sich um Felgen, Karosserieteile
oder Innenausbauten handelt. Wir haben ihn interviewt.

Michele Viandante
Herr Viandante, Sie sind praktisch für sämtliche
Designs verantwortlich, die je die Firmenhallen von AC Schnitzer verlassen haben.
Viele Ihrer Entwürfe sorgten in der Automobilpresse für Furore, so
zuletzt der GP3.10. GAS POWERED. Ihr Know-how haben Sie sich jedoch nicht an
einer Designhochschule angeeignet. Erzählen Sie uns, wie man es als Quereinsteiger
schafft, Chefdesigner von AC Schnitzer zu werden.
Michele Viandante: Von Jugend an habe
ich mich schon immer für Technik und natürlich Design interessiert.
Schon als kleiner Junge habe ich Sachen entworfen und selber konstruiert, die
das tägliche Leben einfacher und vor allem schöner gestalten. Dies
jedoch im Einzelnen zu erklären, würde den Rahmen dieses Gespräches
sprengen. Nach einer Lehre als Graveur habe ich die Fähigkeiten erlernt,
kleine, feine, wertvolle und einzigartige Produkte zu gestalten, meine eigenen
Ideen hinzugefügt und das Ganze als Symbiose für die spätere
Entwicklung genutzt. Neben meiner Lehre habe ich 6 Jahre lang, um mein Taschengeld
ein wenig aufzubessern, Oldtimer restauriert. Dort erlernte ich die „Geheimnisse“
des Karosseriebaus sowie verschiedene Lackiertechniken. Inzwischen sind meine
Begeisterung für die Malerei und das Autodesign immer mehr in den Vordergrund
gerückt. Und so hat sich eine Verschmelzung von Künstler und Autofreak
herauskristallisiert. Bei AC Schnitzer ist diese Verschmelzung voll zum Tragen
gekommen und durch die Herausforderung der Aufgabenstellungen und die autodidaktische
Weiterentwicklung sowie die Weiterbildung in den Bereichen Informatik, Aerodynamik,
Claymodelling, Verarbeitung von Kohlefaser etc. hat sich die heutige glückliche
und erfolgreiche Zusammenarbeit entwickelt.
Können Sie sich noch erinnern, welches Ihr allererstes
Produkt bei AC Schnitzer war und woher haben Sie Ihre Inspiration genommen?
Michele Viandante: Nach 21 Jahren ist
dies natürlich nicht einfach zu beantworten. Ich glaube, es war ein 3er
– E30. Ich wollte etwas aus dem Motorsportbereich mit einem Touch Eleganz
verbinden.
War es nicht schwierig, sich bei den ersten Designs auf eine
bestimmte Richtung festzulegen? Schließlich mussten Sie ja erst einmal
einen bestimmten AC Schnitzer-Stil etablieren, der eine Vielfalt von Produkten
umfassen sollte: Felgen genauso wie Spoiler-Schürzen und Abgasanlagen.
Und überall musste ein roter Faden zu erkennen sein.
Michele Viandante: Natürlich ist
die Neugestaltung einer Designrichtung nicht einfach, aber durch Gespräche,
Meinungen, Vorschläge und ein wenig „Verrücktheit“ kommt
man zu einem Konsens. Dies gilt es umzusetzen, Probieren geht halt über
Studieren, den roten Faden gilt es natürlich zu bewahren und immer wieder
zu perfektionieren.
Wie würden Sie sagen, hat sich der AC Schnitzer-Stil in
den letzten 20 Jahren weiterentwickelt. Hat er sich an der neuen Linie von BMW
orientiert, oder hat es eine eigene, unabhängige Entwicklung gegeben?

Gemälde von Michele Viandante - Chefdesigner AC Schnitzer
Michele Viandante: In den letzten 20 Jahren
hat sich enorm viel verändert. Früher lag der Schwerpunkt zu 80 Prozent
auf Leistung und aerodynamischer Effizienz. Zum heutigen Zeitpunkt spielen die
Aspekte Design und Exklusivität eine wesentlich größere Rolle.
So haben wir auch im Laufe der Jahre unsere Produkte zeitgemäß angepasst.
Die BMW-Linie ist natürlich als „Basismodell“ zu nehmen, sonst
müsste man eine ganz neue Karosserie bauen. Das Setzen von Akzenten ist
die eigentliche Kunst: Es gilt, das Auto noch attraktiver, sportlicher und vor
allem einzigartiger zu gestalten. Nur dann können wir unseren Anspruch,
Trendsetter zu sein, halten. Eine Sonderrolle spielen unsere Concept Cars, die
durch außergewöhnliche Farben oder extravagante Designelemente zum
Teil die Meinungen polarisieren, aber auch zeigen sollen und gezeigt haben,
wie oder was man verbessern kann. Eines haben all unsere Produkte alle gemeinsam:
AC Schnitzer-Modelle sollen Emotionen bei unseren Kunden hervorrufen, nie dürfen
diese unscheinbar oder langweilig sein.
Woher beziehen Sie Ihre Inspiration für neue Designs?
Gibt es bestimmte Rituale, um sich in eine kreative Stimmung zu bringen?
Michele Viandante: Wie schon gesagt, ist
die Inspiration eine undefinierbare, schwer zu erklärende Größe,
die man jedoch im Laufe der Zeit „trainiert“. Natürlich kann
man seine Inspiration nicht erzwingen. Sie kommt unerwartet, tagsüber,
abends oder beim Sport, egal wo man sich befindet, man sieht etwas, beobachtet,
denkt darüber nach und so entwickelt sich eine Idee, die man in ein neues
Projekt einfließen lassen kann. Und als Oldtimer-Liebhaber sind und werden
immer wieder Akzente sozusagen „aktualisiert“. Die Stimmung kommt
durch die innere Zufriedenheit über das Geschaffene und die Anerkennung
durch Presse, Kunden etc. Man „verbessert“ sich oder besser gesagt:
Man „sättigt“ den Hunger nach Innovation, das ist meine Stimmungsförderung.
Was erwarten eigentlich die Menschen, die ein Fahrzeug
von AC Schnitzer bestellen vom Design? Gab es vielleicht auch hier eine Entwicklung?
Michele Viandante: Ein Kunde, der ein
AC Schnitzer-Modell kauft, erwartet etwas Besonderes. Ein Premium-Produkt, das
ganz anders als die Serie ist. Was die Menschen von uns erwarten, ist ganz einfach
zu erklären: eine klare Linie, sauber, dezent, jedoch einfallsreich und
einzigartig. Oft kopiert, aber, Gott sei Dank, nie erreicht, und vor allem qualitativ
höchstes Niveau. Man verlangt mehr Sportlichkeit, Exklusivität und
die Liebe zum Detail. Die Entwicklung geht natürlich immer weiter, sonst
wären wir nicht so erfolgreich. Stagnation und sich auf dem Erreichten
auszuruhen sind nicht gerade die Fördermittel für erfolgreiches und
zukunftsweisendes Design. Wir bleiben deshalb dauernd am Ball.
Welcher Ihrer Entwürfe ist Ihr absolutes Lieblingsstück?
Michele Viandante: Das ist schwer zu sagen.
Alle neuen Modelle sind eine neue Herausforderung, aber der Topster gehört
mit zu meinen Lieblingsstücken.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten einmal die Gelegenheit,
ein komplett anderes Produkt zu entwerfen. Was würden Sie sich aussuchen?
Michele Viandante: Man hat viele Ideen,
aber ein Leben ist leider nicht lang genug, um sie alle ausleben zu können.
Am liebsten würde ich einen modernen und attraktiven Zug entwerfen, der
den Menschen ein ganz neues Gefühl gibt, mit der Bahn zu fahren.
Welche Designs von Alltagsprodukten oder Fahrzeugen
der Automobilgeschichte halten Sie für besonders gelungen, bzw. was sind
Ihre persönlichen Favoriten?
Michele Viandante: Im eigentlichen Sinne
sind alle Designprodukte Ansporn und Ideenbrunnen. Aber an alle anzuknüpfen
wäre eine unendliche Geschichte. Lieblingsstücke sind natürlich
Autos von Ferrari, Porsche, Aston Martin sowie Lamborghini als zeitlose Modelle.
Wie lange benötigen Sie für einen Entwurf, z.B. eine Leichtmetallfelge,
bis zur Produktionsreife und was sind die einzelnen Schritte dabei?
Michele Viandante: Der Entwurf ist –
wie schon gesagt – eine Zusammenführung aus Ideen, Vorschlägen
und Wirklichkeit. Man muss die Idee visualisieren, darstellen und überzeugend
anbringen. Manchmal geht es schnell, manchmal dauert es eine „Ewigkeit“,
bis man das erwünschte Ergebnis erreicht hat. Die Produktionsreife ist
ein schwer zu präzisierender Faktor, es hängt nicht nur von uns ab.
Verschiedene Tests müssen absolviert werden, erst dann kann die Produktlinie
starten.
Sie machen alles selbst, von den ersten Bleistift-Skizzen
bis zu den Tonmodellagen am Fahrzeug. Wie wird man so ein Tausendsassa? Malen
können Sie ja auch sehr gut, wie die Bilder in Ihrem Büro zeigen.
Michele Viandante: Wie sagt man so schön:
Selbst ist der Mann! Aber Scherz bei Seite, es ist das vom Grund auf Lernen
verschiedener Berufe und die unendliche Herausforderung an sich selbst, alles
perfekt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und das Ziel kann man bekanntlich
nur selbst erreichen. Natürlich kann man vieles lernen, aber ein gewisses
Talent muss vorhanden sein. Na ja, die Malerei ist sozusagen der innere Ausdruck,
die Seele nicht nur technisch sondern auch gestalterisch und surrealistisch
zu entfalten.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die selbst
gerne Designer werden möchten? Bieten Sie am Ende sogar Praktika an?
Michele Viandante: Nun, was soll man raten?
Ich würde jedem jungen Menschen, der Designer werden möchte, empfehlen,
möglichst in vielen Bereichen ein Praktikum zu absolvieren. Dies ist der
Schlüssel für eine schnelle und flexible Verwirklichung. Es gilt,
die eigenen Ideen konsequent durchzusetzen, nach Möglichkeit ohne fremden
Einfluss. Nur so ist gewährleistet, dass der Designer in jeder Phase der
Entwicklung Änderungen oder neue Ideen mit einfließen lassen kann.
Auch wenn es für einen Kreativberuf manchmal unorthodox
klingen mag, empfehle ich dennoch immer, realistisch zu bleiben, technisch machbare
Produkte und Lösungen anzubieten. Es ist wichtig, ein Gespür für
das Schöne und die Harmonie von Linien und Farben zu entwickeln. Sich immer
wieder selbst in Frage zu stellen, gehört genauso dazu wie die Fähigkeit,
sich zu beweisen, zu kämpfen, zu lernen und einfach wie ein Schwamm die
Eindrücke der Natur und deren unendlich schönen Formen und Farben
aufzusaugen und schlussendlich umsetzen. Ohne Fleiß – kein Preis.
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