Auf das internationale Starterfeld zur ADAC Rallye Deutschland (19. – 22. August 2010) wartet mit der 48 Kilometer langen Wertungsprüfung Arena Panzerplatte auf dem Truppenübungsgelände Baumholder eine besondere Herausforderung. 2010 ist sie die absolut längste Etappe im WM-Kalender. Bisher Spitzenreiter diesbezüglich war „Jordan Ri-ver“ in Jordanien mit 41,45 km. Im Schnitt liegt die Maximaldistanz der Prü-fungen bei den 13 WM-Runden in dieser Saison bei rund 32 Kilometern.
„Da ist der ein oder andere Fahrer beim Unterlagen-Check zur deutschen WM-Runde angesichts der eingeplanten 48 Kilometer schon ins Grübeln gekommen“, schmunzelt Rallyeleiter Armin Kohl. „Einige reklamierten, dass die Reifen eine derart lange und fordernde Prüfung nicht gut aushalten wür-den. Vorsichtshalber richten wir vor dem Start aber eigens einen so genannten Remote Service ein, damit dort jedes Team neue Reifen montieren kann.“
Auch Reifenexperten wissen um die enormen Belastungen für die Pneus auf dieser Baumholder-Etappe, doch selbst der häufig wechselnde Belag zwischen rauem Beton, glattem Asphalt oder welligem Teer führen keines-wegs direkt zu elementaren Reifenschäden. Erheblich kritischer sind vielmehr die möglichen Brachialkontakte zwischen dem schwarzen Gold und den gefürchteten grauen Betonklötzen – die gerne als Hinkelsteine bezeichnet werden und schon legendär sind.
Natürlich stellt sich auf dieser „Hinkelstein-Etappe“, die am zweiten Rallye-Tag gleich zweimal bewältigt werden muss, auch die Frage nach der Kondition der Fahrer. „Selbstredend werden einige Piloten verschwitzt und ausgepowert wirken, doch für trainierte Sportler ist das keine übermenschliche Aufgabe“, analysiert Armin Kohl und stützt sich dabei auf seine langjährige Rallye-Erfahrung.
Aber nicht allein die beiden Baumholder-Prüfungen sind die Herausforderun-gen der ADAC Rallye Deutschland – insgesamt 19 Prüfungen auf Bestzeit (= ca. 408 km) reizen an drei Rallye-Tagen. Die erste Tagesetappe läuft wieder in den Weinbergen an der Mosel ab, die zweite auf dem Truppenübungsplatz Baumholder und im nördlichen Saarland. Die dritte Runde am Sonntag kehrt dann erneut in die Mosel-Region nahe Trier zurück und bietet als spektakulä-ren Abschluss der insgesamt knapp 1.200 Kilometer langen Rallye den Rund-kurs „Circus Maximus“ in der Trierer Altstadt.
Belagwechsel in der Rallye-WM. In wenigen Wochen müssen die weltbesten Driftkünstler erstmals in dieser Saison ihr Können statt auf Schotterwegen auf Asphaltpisten unter Beweis stellen. Zwei Monate danach macht die Rallye-WM nach einjähriger Pause mit der ADAC Rallye Deutschland vom 19. bis 22. August 2010 wieder in und um Trier Station. Wir sprachen mit dem sechsmaligen Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb über die Besonderheiten des deutschen WM-Laufes.
Seit nunmehr sechs Jahren hat Dich kein Konkurrent mehr bei einer Asphaltrallye besiegen können. Noch länger ist Deine Erfolgsgeschichte bei der ADAC Rallye Deutschland, die Du seit 2002 immer gewonnen hast. Was machst Du auf festem Untergrund besser als die anderen?
Sébastien Loeb: Es ist nicht so, dass ich eine besondere Vorliebe für Asphalt-rallyes habe. Im Gegenteil, ich fahre ebenso gerne auf Schotter, Schnee und Eis. Ich mag die Abwechslung. Es reizt mich, auf ganz unterschiedliche Anfor-derungen reagieren zu müssen. Das ist ja auch der große Unterschied zwi-schen dem Rallyesport und Rundstrecken-Rennen. Auf Schotter rutscht man mehr, im Schnee gilt es die optimale Linie zu finden und auf Asphalt ist alles zumeist präziser und härter – das Einlenken, Bremsen, und so weiter. Die Rallye Monte Carlo und eben Deutschland sind dabei die wohl größten Her-ausforderungen. Dauernd ändert sich das Grip-Niveau. In jeder Kurve ist die Reifenhaftung eine andere. Diese ständigen Veränderungen und das Anpas-sen des Tempos oder das Finden der optimalen Bremspunkte – das macht es aus und scheint mir eben ziemlich gut zu gelingen.
Ist die ADAC Rallye Deutschland für Dich sozusagen Dein persönliches Rallye-Wohnzimmer?
Sébastien Loeb: Ich kann nicht sagen, es ist mein Zuhause, aber es fühlt sich für mich schon ein bisschen so an. Meine Heimat ist nicht weit und seit meinem ersten Start in Deutschland waren auch immer viele meiner Freunde mit dabei. Mit der Rallye Monte Carlo ist die ADAC Rallye Deutschland die Veranstaltung, zu der ich die emotionalste Verbindung habe. Wegen den Fans, den Erfolgen und weil diese beiden Rallyes eben einen ganz besonde-ren Charakter haben.
Was macht die ADAC Rallye Deutschland so speziell?
Sébastien Loeb: Allem voran die vielen unterschiedlichen Arten von Strecken und Belägen. Es gibt sehr schnelle Pisten, extrem schwierige Passagen, mal enge, dann wieder weite Asphaltstraßen und das Ganze noch gemischt mit sehr unterschiedlichen Belägen. Kaum ein Meter ist wie der andere, eine absolute Herausforderung.
Wie gefallen Dir die Wertungsprüfungen in den Mosel-Weinbergen?
Sébastien Loeb: Die mag ich am meisten. Für mich zählen die zu den besten WP´s überhaupt. Man muss 100 Prozent konzentriert sein, 99 ist nicht genug. Kaum irgendwo spürt man beim Fahren die Geschwindigkeit so wie hier. Die Befriedigung danach ist riesig, auch wenn man sich wundert, wie schnell man auf diesen engen Weinbergwegen eigentlich unterwegs war.
Sagt Dir das Wort „Hinkelsteine“ etwas?
Sébastien Loeb: Das sind doch diese riesigen Steinklötze, von denen man möglichst weit weg bleiben sollte. Ich hatte bisher nur ein Rendez-vous mit so einem Hinkelstein bei einem Test zur ADAC Rallye Deutschland. Es war vielleicht nicht mein schlimmster Unfall, aber speziell für meinen Nacken der heftigste. Mein Copilot Daniel Elena musste die Rallye Finnland danach mit angeknackster Rippe in Angriff nehmen. Vor diesen Dingern habe ich großen Respekt.
Dann zählen die Strecken auf dem Standortübungsplatz Baumholder nicht zu Deinen Lieblingspisten?
Sébastien Loeb: Warum nicht? Sie sind etwas ganz besonderes und tragen viel zum besonderen Reiz dieser Rallye bei. Baumholder ist so anders, so weit weg von allem anderen, was man an Asphaltpisten kennt. Es gibt sehr raue Abschnitte, saubere, weite, schnelle, mal Schotter und Dreck oder Staub – eine extreme Kombination. Nirgends ist es schwieriger, die richtige Mischung beim Fahren zu finden. Gas geben können viele, doch wer in Deutschland gewinnen will, muss auch diese Prüfungen erfolgreich bewältigen.
Wie gefällt Dir die Zuschauerprüfung „Circus Maximus“ inmitten von Trier?
Sébastien Loeb: Ehrlich gesagt, bin ich kein so großer Fan von diesen soge-nannten „Super Specials“. Die Strecke in Trier zählt jedoch zu den besseren und ist interessant – ich denke auch für die Zuschauer. Es ist gut und wichtig, dass wir durch solche Prüfungen mit unserem Sport näher an die Leute rankommen und sie uns bei der Arbeit zusehen können.
Ein Tipp zum Schluss. Wer wird Fußball-Weltmeister 2010?
Sébastien Loeb: Eine schwierige Frage. Es gibt viele starke Teams und einige Favoriten. Ich bin weder Experte noch der größte Fußballfan. Ich hoffe die Frage nach dem Rallye-Weltmeister 2010 lässt sich einfacher beantworten. Dafür will ich in Deutschland erneut einen wichtigen Grundstein legen.